Lotos Forum - Verein für ganzheitliche Erfahrungen (VGE) e.V. Eine Geschichte des Lao Tse Es gab einmal in einem Dorf einen alten Mann, der sehr arm war, aber trotzdem von Königen beneidet wurde, denn er besaß ein schönes Pferd. Ein Pferd von solcher Qualität war noch nie gesehen worden –solche Schönheit, solcher Stolz, solche Stärke. Könige bewarben sich um das Pferd und boten fabelhafte Preise. Aber der alte Mann kannte nur eine Antwort: „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Freund. Es ist kein Besitz.. Soll ich meinen Freund verkaufen? Nein, das kommt nicht in Frage.“ Der Mann war arm und hatte allen Grund, der Versuchung zu erliegen aber er verkaufte das Pferd nicht. Eines Morgens entdeckte er plötzlich, dass das Pferd nicht mehr im Stall war. Das ganze Dorf versammelte sich und alle sagten: „Das hast du davon, alter Narr! Wir haben es vorher gewusst, eines Tages musste das Pferd ja gestohlen werden. Und wie kannst du bei solcher Armut einen solchen Schatz richtig behüten? Du hättest wirklich besser daran getan, das Pferd zu verkaufen. Du hättest astronomische Summen dafür verlangen können – jeden Phantasiepreis. Jetzt ist das Pferd weg. Jetzt siehst du, was für ein Fluch, was für ein Unglück es für dich war.“ Der alte Mann sagte: „Ihr müsst nicht übertreiben. Sagen wir einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Das ist die einzige Tatsache, alles andere ist Interpretation. Ob es nun ein Unglück ist oder nicht, wie wollt ihr das wissen? Wie könnt ihr das beurteilen?“ Die Leute sagten: „Uns kannst du nichts vormachen. Wir mögen zwar keine großen Philosophen sein, aber hier braucht man doch keine Philosophie. Es ist eine klare Tatsache, dass ein Schatz verloren gegangen ist und das ist ein Unglück.“ Der alte Mann erwiderte: „Ich bleibe dabei – die richtige Tatsache ist, dass der Stall leer und das Pferd fort ist. Darüber hinaus weis ich nichts, ob Unglück oder Segen – so ein Urteil ist begrenzt und niemand weis, was noch kommt.“ Er wurde ausgelacht. Die Leute hielten den alten Mann für verrückt. Sie hatten es schon immer gewusst, dass er nicht richtig im Kopf war, sonst hätte er ja sein Pferd verkauft und in Saus und Braus gelebt. Stattdessen fristete er sein Leben als Holzfäller. Obwohl er sehr alt was, fällte er immer noch Bäume, brachte das Holz aus dem Wald und verkaufte es. Er lebt von der Hand in den Mund, hatte nur das Nötigste und nie wirklich genug. Aber jetzt war ihnen endgültig klar, dass er verrückt war. Nach vierzehn Tagen kam plötzlich eines Nachts das Pferd zurück. Es war nicht gestohlen worden, es war nur in die Wildnis gelaufen. Und es kam nicht nur zurück, es brachte auch noch zwölf andere Wildpferde mit. Und wieder kamen die Leute zusammen und sagten: „Alter, du hast recht gehabt, wir haben uns geirrt. Es war kein Unglück, sondern ein Segen. Es tut uns leid, dass wir dir Vorwürfe gemacht haben.“ Und der alte Mann sagte: „ Ihr geht schon wieder zu weit. Könnt ihr nicht einfach sagen, dass das Pferd zurück ist und dass es zwölf andere Pferde mitgebracht hat. Warum urteilt ihr? Wer will denn wissen, ob es ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück, und wenn man den ganzen Zusammenhang nicht kennt, wie kann man dann urteilen? Wie könnt ihr über ein Buch urteilen, wenn ihr nur eine Seite gelesen habt? Wie könnt ihr über eine ganze Seite urteilen, wenn ihr nur einen Satz gelesen habt? Wir könnt ihr über einen Satz urteilen, wenn ihr nur ein Wort davon gelesen habt? Und was ihr in der Hand haltet, ist weniger als ein Wort – das Leben ist so unendlich. Ihr habt nur das Bruchstück eines Wortes in der Hand und habt über die ganze Welt geurteilt. Sagt also nicht, dass dies ein Segen ist, denn wer weiß . . . Und ich bin völlig damit zufrieden, dass ich nicht weis. Lasst mich also bitte in Ruhe.“ Urteile Nie weiter zur Seite 2