Lotos Forum - Verein für ganzheitliche Erfahrungen (VGE) e.V.Die Katze und der Papagei Seite 1Du weißt sicher, dass es Menschen gibt, die an Seelenwanderungen glauben. Sie sind davon überzeugt, dass sie in ihrem früheren Lebenirgendein Tier gewesen sind oder eine Pflanze. Nun kann man davon halten, was man will. Ich jedenfalls habe gehört, dass es einen fernenStern geben soll, auf dem leben noch keine Menschen, sondern nur Tiere. Daran ist nichts Ungewöhnliches. Auch unsere Wissenschaftler sinddavon überzeugt, dass es auf anderen Sternen lebende Wesen gibt, und sie suchen danach. Das seltsame an der Geschichte, die ich gehörthabe, ist jedoch, dass die Tiere sich dort auf dem fremden Stern so verhalten, als wären sie Menschen, d. h., sie können sprechen und arbeitenund viele andere Dinge, die auf unserem Planeten nur die Menschen können. Das Kurioseste aber ist, dass die Tiere auf jenem Stern in derRegel Mischehen eingehen. Zum Beispiel ist es dort nicht ungewöhnlich, wenn ein Elefant eine Tigerin heiratet und eine Kuh einen Eisbären.Was sie sich dabei denken, weiß ich nicht.Die Geschichte, die ich gehört habe, handelt von einem Papagei, der sich mit einer Katze vermählt hatte. Sie liebten sich sehr, aber trotzdem gab es Probleme. Und auch das ist ja eigentlich nicht ungewöhnlich, wenn man sich anschaut, wie verschieden dieses Ehepaar war. Man stelle sich vor, ein prächtiger bunter Papagei und eine graue Katze. Aber der äußere Unterschied zwischen den beiden war gar nicht das Problem. Vielmehr gab es deshalb Schwierigkeiten, weil beide in ihrem Wesen so verschieden waren. Die Katze war ganz zufrieden mit der Wahl, die sie getroffen hatte. Nur der Papagei war es nicht so ganz. Nicht, dass er sich nach einer anderen Partnerin umgesehen hätte, nein, das wollte er nicht. Er wollte nur, dass die Katze nicht so eigenwillig sein sollte, wie sie als Katze nun mal war. Es gab halt einige Dinge im Verhalten der Katze, die der Papagei nicht mit ansehen konnte, zum Beispiel, dass die jeden Morgen so ausgiebig ihr Fell pflegte. Während er bereits früh aufgestanden war, das Frühstück bereitet hatte und schon viele andere Dinge erledigt hatte, sah er nur, dass sie immer noch beim Pfötchenlecken, mit Ohrenputzen und Schwanzglätten beschäftigt war und sich so viel Zeit ließ, wie sie mochte. Der Papagei regte sich dann fürchterlich auf und zeterte, dass sie sich doch gefälligst beeilen sollte, da sie noch etwas zu erledigen hatte. Aber die Katze ließ sich Zeit. Sie war ganz einfach faul, drehte sich gern herum, las die Zeitung und hörte und sah nichts, was um sie herum geschah. Das führte dazu, dass der Papagei sich um alles selber kümmern musste; denn bis er der Katze klargemacht hatte, was zu tun war und sie aufgescheucht hatte, um die Sache zu erledigen, verging viel zuviel Zeit. Deshalb tat er die notwendigen Dinge lieber selber. Dann brauchte er sich auch nicht zu ärgern und nachzusehen, ob sie es auch richtig machte.Das Dumme aber war, dass der Papagei in letzter Zeit einen lahmen Flügel bekommen hatte. Er konnte den Haushalt und den Garten und auch die Werkstatt nicht mehr allein versorgen. Es war jetzt einfach notwendig geworden, die Katze zu Arbeiten heranzuziehen. Die sah das auch ein und erklärte sich zur Hilfe bereit. Sie sah immer noch nicht, wo Arbeit notwendig war, und hörte immer noch nicht richtig zu, wenn der Papagei ihr irgendetwas erklärte. „Nie hörst du mir zu!“ zeterte der Papagei und das brachte ihn zur Raserei. Selbst, wenn er ihr einen Auftrag gab und sie ihn besorgen ging, geschah es oft, dass sie zurückkam und die Hälfte war verkehrt. „Warum kannst du nicht einmal richtig ausführen, was sich dir auftrage?“ Der Papagei raufte sich dann seine Kopffedern und schrie und krächzte, was er mit diesem Katzenvieh wohl anfangen sollte. Dabei hatte es schon ungeheuere Mühe gekostet, sie überhaupt vom Frühstückstisch aufzuscheuchen und loszuschicken, dass er schon fast zusammenbrach, soviel Kraft kostete es. Und dann kommt diese Katze mit so etwas zurück! Der Papagei war ganz verzweifelt. Er fühlte sich einsam und erfolglos. Die Katze kümmerte sich weiterhin um nichts, lag faul herum, putze sich, fraß ungeheuere Mengen und schlief dann wie ein Bär. Er konnte tun und machen, sie dachte gar nicht daran, sich zu ändern. Das machte ihn ganz krank. Sein Flügel tat ihm weh und er jammerte und versuchte immer wieder, sie zur Veränderung ihres Verhaltens zu bringen. Aber an der Situation änderte sich nichts. Sein Ärger nahm und nahm kein Ende.Da kam eines Tages der Fuchs zu Besuch. Da der Papagei wusste, dass der Fuchs ein kluges Tier war, klagte er ihm sein Leid und fragte um Rat. „Da kann ich helfen“, sagte der Fuchs. „Sage mir, was du willst. Ich könnte zum Beispiel die Katze fressen, dann bist du sie los.“ – „Nein, nein“,sagte der Papagei. „Dann wäre ich ja allein. Ich will sie schon behalten.“ – „Dann könnte ich sie vielleicht beißen zur Strafe für ihr ekelhaftesVerhalten.“ – „Nein, das ist auch nicht gut“, sagte der Papagei. „Dann ist sie krank und ich muss sie pflegen.“ – „Und was hältst du davon, wennich einen jungen Kater auf sie hetze, der sie auf Trab bringt?“ - „Das finde ich auch nicht gut. Sie könnte auf falsche Gedanken kommen unddann bin ich sie auch los. Nein, du sollst etwas tun, damit sie sich ändert, dass sie sich nicht mehr so lange putzt und nicht so faul ist und sichmehr kümmert und hilft, damit ich mich nicht mehr ärgern muss.“„Das steht nicht in meiner Macht“, sagte der Fuchs. „Gott hat die Tiere jedes mit einem bestimmten Wesen und mit einem bestimmten Charakter ausgestattet und das kann man nicht ändern. Aber für dich wüsste ich ein Mittel.“„Für mich ein Mittel? Wieso für mich? Ich muss mich doch nicht ändern! Das Problem ist die Katze!“ – „Ja“, sagte der Fuchs. „Aber es gibttrotzdem ein Mittel für dich.“ Der Papagei zögerte, weil ihm das nicht einleuchtete. Aber da Papageien klug und neugierig sind, war ereinverstanden. „Und was ist das für ein Mittel?“ – „Ganz einfach“, sagte der Fuchs. „Du brauchst dich nur zu bücken und durch die Beine zusehen.“ – „Was soll das?“ schimpfte der Papagei. „Versuch`s nur“, sagte der Fuchs. „Und erzähle mir, was du siehst.“ Der Papagei bückte sichund während er durch seine Beine guckte, begann es in seinen Ohren zu rauschen. „Ich sehe, was ich sonst auch sehe“, sagte er. „Nichts hatsich geändert. Meine Ohren rauschen bloß.“ – „Sieh genau hin“, sagte der Fuchs. Der Papagei sah nochmals durch seine Beine und hörte seinBlut rauschen. „Hhm, ja, ich sehe den Tisch, die Stühle, den Schrank, die Blumen, na ja, aber alles anders herum. Es steht alles auf dem Kopf.“– „Na also, dann ist dir auch geholfen“, sagte der Fuchs. „Wenn du dir aus einer solchen Haltung heraus deine Katze anschaust, wird sich deinProblem lösen.“ Und er verabschiedete sich höflich.Als er weg war, fing der Papagei an, sich wieder zu ärgern über den dummen Rat, den der Fuchs ihm gegeben hatte. Er stand da und schüttelte den Kopf: Was sollte das ändern, die Katze umgekehrt anzuschauen? Aber da er, wie gesagt, neugierig war, konnte er nicht widerstehen, es auszuprobieren. Er nickte leicht, bückte sich dann und sah durch die Beine. Zunächst konnte er nichts Wichtiges feststellen, wenn er das graue, faule Ungeheuer durch seine Beine betrachtete. Dann, als er länger hinsah, merkte er aber plötzlich, dass sich doch etwas verändert hatte. Er hörte sie schnurren. Und dieses Schnurren ließ den Schauer eines warmen Gefühls durch seine Haut rieseln. Ihm wurde klar, dass er sich nicht mehr ärgern konnte, wenn er sie so schnurren hörte. Zunächst wollte er es nicht glauben und versuchte, Ärger in sich hochkommen zu lassen. Es ging nicht. Und es ging darum nicht, weil ihm bei diesem Anblick ganz andere Gedanken in den Sinn kamen. Wenn er sich jetzt die Putzsucht seiner Katze durch die Beine ansah, dachte er: „Eigentlich habe ich eine feine Frau, wie sie nicht jeder Papagei hat. Sie wirkt so jugendlich, und wie ihr Fell glänzt! Und wie ihre Stimme klingt!“ Und dann freute er sich. Und wenn er sich ihre Faulheit auf diese Weise ansah, rauschte es wieder in seinen Ohren und er dachte: „Sie verausgabt sich nicht, schreit nicht, mault nicht herum, sondern ist freundlich und spart ihre Kräfte. Also wird sie mir lange erhalten bleiben, und ich werde nie einsam sein.“ Und er war froh darum. Und wenn er sie jetzt ansah, wie sie sich um nichts kümmerte, dachte er: „Sie braucht mich, ohne mich kann sie nicht leben, und so wird es bleiben.“ Und dann lächelte er zufrieden.Und noch etwas änderte sich. Wenn Dinge zu tun waren, die er nicht tun konnte, schimpfte und scheuchte er sie nicht mehr. Er war listig geworden. Er überlegte sich, wie er sie locken konnte, das zu tun, was sie sollte, denn er war ja klug. So fiel ihm ein, eine Maus einzusetzen, wenn sie Staub wischen sollte und keine Lust dazu hatte. Dann sauste sie fröhlich hinter der quitschenden Maus her durch die ganze Wohnung und wischte mit ihrem flauschigen Schwanz allen Staub weg. Dann feixte der Papagei sich eins, summt ein Leid, sah dem Spiel zu und überlegte sich gleich ein neues. Außerdem war er auf die Idee gekommen, was wohl geschähe, wenn er seiner Katze einmal vorführte, wie es ist, wenn jemand sich so verhält wie sie. Er kümmerte sich also nicht mehr um alles, putzte sich morgens auch etwas ausgiebiger, pfiff munter vor sich hin und fing an, ein bisschen fauler zu werden. Und er war ganz überrascht, was das für eine Wirkung auf die Katze hatte.Dass der Papagei sich nicht mehr ärgerte, hatte noch ganz andere überraschende Folgen. Die Nachbarn wurden aufmerksam. „Was für ein hübscher, angenehmer und freundlicher Vogel er doch ist“, sagten sie. „Immer trällert und lacht er und hat lustige Dinge zu erzählen.“ Und sie rissen sich darum, seine Freunde zu sein.Und so lebte der Papagei froh dahin, pfiff ein Lied, versammelte seine Freunde um sich und lebte mit der Katze zufrieden zusammen, ich glaube, bis heute. Denn auf dem Stern, von dem ich berichtete, gibt es, glaube ich, keinen Tod. Jedenfalls habe ich es so gehört.Auszug aus dem Buch: Der Wächter am Tor zum Zauberwald, Therapeutische und pädagogische Metaphern, von Alexa Mohl,